05.01.2024

Weisheitszähne - wann müssen sie raus, wann nicht?

Die Weisheitszähne sind bei 80 Prozent der Erwachsenen in Europa retiniert. Auch wenn man sie nicht sieht, müssen Weisheitszähne jedoch oft gezogen werden.

Warum ist das so? In welchen Fällen müssen Weisheitszähne raus, in welchen nicht? Was sind mögliche Komplikationen und was sollten Sie wissen bezüglich einer Operation? 

Was sind Weisheitszähne?

Weisheitszähne gelten als Überbleibsel aus vergangener Zeit, in der die Menschen noch ein größeres Gebiss hatten. Heute ist der Kiefer bei den meisten Menschen zu klein für diese "Extra-Zähne". 

Die Weisheitszähne stellen die hintersten Backenzähne im Gebiss dar. Man nennt sie auch die "dritten Molaren". Wenn sie überhaupt durchbrechen, dann üblicherweise erst im Alter von 17 bis 25 Jahren.

Manche Menschen haben jedoch von Geburt an gar keine Weisheitszähne mehr - oder nur einen oder zwei im gesamten Gebiss. Andere haben mehr als vier Weisheitszähne, oder sie brechen im Gaumen oder zur Wange hin durch. Weisheitszähne können sehr unterschiedlich geformt sein. Ihr Wurzelsystem ist häufig irregulär beziehungsweise anders als bei den anderen Zähnen.

Bei den meisten Erwachsenen können die Weisheitszähne aus Platzgründen oder wegen ihrer Lage nicht zeitgerecht oder gar nicht durchbrechen - oder dann nur teilweise (sie erreichen die Kauebene nicht), das heisst sie sind retiniert oder teilretiniert. Dies kann verschiedene Komplikationen verursachen, weshalb Weisheitszähne oft gezogen werden müssen. 

Mögliche Komplikationen bei Weisheitszähnen

Mehr als die Hälfte aller Weisheitszähne werden aufgrund einer Perikoronitis entfernt. Bei Perikoronitis handelt es sich um eine Entzündung des Weichgewebes rund um einen (teil-)retinierten Weisheitszahn. Diese kann Schmerzen, Schwellungen, Rötungen, Fieber sowie Schwierigkeiten beim Kauen und Schlucken verursachen. 

Wird eine Entzündung nicht früh genug behandelt, können sich Zysten und Abszesse entwickeln. Unbehandelte Abszesse können sich wiederum zu einem Logenabszess führen. Ein solcher geht in den Halsbereich - was richtig gefährlich werden kann: Unter anderem können Patienten dann den Mund nicht mehr öffnen und unkontrolliert und unbemerkt Zysten wachsen.

Wann ist eine Entfernung angebracht?

Suchen Patienten mit Perikorikoronitis eine unserer Praxen auf, möchten sie manchmal statt einer Weisheitszahnentfernung einfach die entsprechenden Zahntaschen reinigen lassen (die Schlupfwinkel zwischen Zahnkrone und Weichgewebe, wo die Infektion liegt). Dies funktioniert in der Regel ganz gut, allerdings kommen die Patienten oft früher oder später zurück, da die Ursache nicht behoben wurde.

Ist dann die Wurzelbildung der Weisheitszähne bereits abgeschlossen, oder verursacht ein Abszess die Schmerzen, gestaltet sich die Entfernung noch schwerer. 

Folgende weitere Indikationen sprechen grundsätzlich für eine Entfernung: 

  • Chronische Infektion

  • Schmerzen (durch Perikoronitis)

  • Schädigung der Nachbarzähne durch Wurzelresorption (Druck eines Weisheitszahns an Nachbarzähne)

  • Karies am Nachbarzahn oder am Weisheitszahn selbst, mit freiliegendem Zahnnerv. (Bei Weisheitszähnen lohnt sich eine Wurzelkanalbehandlung in der Regel nicht, wegen der irregulären Form der Nerven und Wurzeln. Zudem steht ein Weisheitszahn selten gerade in der Zahnreihe und wird daher fürs Kauen gar nicht gebraucht.)

  • Zysten oder Tumore

  • Abgebrochener oder frakturierter Weisheitszahn

  • Weisheitszahn stört bei der Okklusion beziehungsweise beim Kauen

  • Wenn der Weisheitszahn die Sanierung anderer Zähne beeinflussen würde (etwa eine Parodontitis-Behandlung)

Manchmal ist zudem eine Entfernung angebracht wenn Platz für eine kieferorthopädische Behandlung geschaffen werden muss. Auch aus prophylaktischen Gründen und zur Vereinfachung der Mundhygiene bei einem sehr kleinen Kiefer kann eine Entfernung empfohlen werden. 

Wann erübrigt sich eine Entfernung?

Ein Weisheitszahn muss nicht entfernt werden, wenn ein anderer Zahn entfernt werden muss, und der Weisheitszahn ihn ersetzen kann. Schliesst man die Lücken und bringt die Zähne zusammen und ordnet diese entsprechend kieferorthopädisch ein, spricht man von einem "Lückenschluss". 

Von einer Entfernung sieht man auch ab, wenn ein Weisheitszahn zwar retiniert oder impaktiert ist (komplett im Knochen sitzt), aber sehr nahe am Nerv liegt oder sogar mit diesem verbunden ist. Das Risiko für Komplikationen kann in einzelnen Fällen sehr gross sein - und wir müssen zwischen Risiko und Nutzen abwägen. Gegebenenfalls bietet sich hier auch eine Röntgenverlaufskontrolle an.

Grundsätzlich prüfen wir drei Aspekte, um zu beurteilen, ob eine Weisheitszahnentfernung indiziert ist - und auch, wie schwierig die Behandlung sein wird:

  • Wie und wo liegt der Zahn (ist er in der Nähe einer anatomischen Beschaffenheit)?

  • Verursacht der Zahn Probleme oder ist er symptomatisch?

  • Wird der Zahn für das Kauen gebraucht?

Auch mögliche Risiken müssen wir beurteilen: Wie alt ist der Patient? Wie lange ist der Zahn bereits retiniert? Wie ist die allgemeine Gesundheit des Patienten? Raucht der Patient? (Lesen Sie mehr zum Thema auch im Blogbeitrag "Weisheitszähne: warum entfernen lassen?" .)

Risiken einer (späten) Weisheitszahnentfernung

Grundsätzlich gilt: Je früher man die Weisheitszähne entfernt, desto einfacher1 - das heisst idealerweise im Jugendalter: Dies, weil dann die Wurzel noch nicht vollständig ausgebildet ist. Auch eine Verknöcherung ist in diesem Alter nicht sehr wahrscheinlich, da die Kaubelastung noch nicht so stark ist. Je jünger man ist, desto elastischer die Knochen und geringer das Risiko für Zahnfleischentzündungen und Parodontitis. Der Zahn sollte jedoch bereits zu ⅓ seine Wurzeln ausgebildet haben; dies erleichtert die operative Entfernung.

Es ist wichtig, dass Patienten über die Risiken einer Weisheitszahnentfernung aufgeklärt sind: Beispielsweise kann es bei zu viel Druckausübung bei der Entfernung zu einer Fraktur im Kiefer kommen, einer Schädigung von Gesichts- und Zungennerven, oder auch zu einer Knochen-Infektion oder Kieferhöhlenöffnung. Unter Umständen muss Knochen gefräst werden, weil der Zahn nur so entfernt werden kann – was einen grösseren Eingriff darstellt. 

Träger von Kronen sollten wissen, dass durch die Entfernung die Krone oder Nachbarzähne Schaden nehmen können. Dies kommt allerdings auf die individuellen Umstände an. In der Praxis klären wir Sie über Ihr individuelles Risiko auf.

So wird diagnostiziert

Um den Schwierigkeitsgrad einer Entfernung zu beurteilen, braucht es ein Röntgenbild. Falls dies die Lage noch nicht deutlich genug macht, muss eine Panoramaaufnahme gemacht werden. Falls es dann immer noch Unklarheiten gibt, kann eine Aufnahme mit der digitalen Volumentomographie (DVT - 3D Bild) Klarheit schaffen. 

Wie viele Zähne auf einmal entfernen? 

Das ist sehr individuell und hängt von der Situation und dem Patienten ab. Einige Patienten bevorzugen es, alle 4 Weisheitszähne auf einmal zu entfernen. In anderen Fällen behandelt man eine Seite, dann die zweite - sodass sich der Patient erholen und dabei zumindest auf einer Seite kauen kann. 

Das gilt es vor und nach der OP zu beachten

Nach der Weisheitszahnentfernung raten wir zu folgenden Massnahmen: 

  • 2 Wochen keinen Sport beziehungsweise körperliche Anstrengung

  • Vermeiden Sie sehr scharfe und saure Speisen, da dies die Wundheilung verzögert. Dasselbe gilt für Alkohol und Rauchen 

  • Vermeiden Sie es für einige Tage, zu gurgeln sowie die entsprechenden Stellen beim Zähneputzen zu berühren

  • Essen Sie für ein paar Tage Weichkost; die Schwellung und das physiologische Trauma beeinträchtigen die Mundöffnung. 

  • Gehen Sie nach 7 Tagen zur Wundkontrolle und spülen Sie ab dem 2. Tag während einer Woche regelmässig (2-3 Mal pro Tag) mit Chlorhexidin (CHX)-Mundspüllösung 

Patienten mit Osteoporose, einer künstlichen Herzklappe, oder die in einer Chemo- oder Strahlentherapie sind, sollten dies vor der Weisheitszahnentfernung unbedingt erwähnen. In diesen und ähnlichen Fällen ist es wichtig, zur Vermeidung (weiterer) Erkrankungen und Entzündungen prophylaktisch Antibiotika zu nehmen. 

In allen unseren Zentren sind neben Allgemeinzahnärzten auch Fachzahnärzte für Oralchirurgie und weitere Spezialisten tätig. So können wir auch komplizierte Fälle sicher und bestens behandeln; beispielsweise Patienten mit mehreren Allgemeinerkrankungen und Risikofaktoren oder mit Weisheitszähnen, die sehr nahe an anatomischen Strukturen wie Nerven oder Kieferhöhlen liegen. 

Gerne beraten wir Sie individuell zu Ihren Weisheitszähnen und schauen mit Ihnen gemeinsam in der Praxis an, welches Vorgehen Sinn macht.

 

1 siehe “Impacted wisdom teeth: To extract or not to extract? Review of the literature”, D Shoshani-Dror, D Shilo, O Emodi, A Rachmiel, National Library of Medicine https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30699487/

Weitere Quellen: