24.08.2026

Warum moderne Ernährungsgewohnheiten oft mehr Schaden anrichten als die Zahnbürste verhindern kann

Ein Gespräch mit Dr. Felix Dan – zahnarztzentrum.ch-Zentrumsleiter in Emmenbrücke – über moderne Essgewohnheiten, häufige Säureangriffe und die Grenzen einer optimalen Zahnpflege. 

Sie putzen zweimal täglich, benutzen Zahnseide und eine elektrische Zahnbürste – und trotzdem sitzen Sie auf dem Behandlungsstuhl und hören: «Hier hat sich wieder Karies gebildet.» Viele Menschen sind frustriert: Sie machen scheinbar alles richtig und zahlen trotzdem drauf. 

Die Erklärung liegt oft nicht in der Mundhygiene, sondern in der Ernährung – vor allem in dem, was über den Tag verteilt passiert. Die Wissenschaft zeichnet hier ein klares Bild: Nicht die Menge an Zucker entscheidet in erster Linie über Ihre Zahngesundheit, sondern die Häufigkeit, mit der Ihre Zähne Zucker und Säuren ausgesetzt sind

Nach jeder Zuckeraufnahme bilden bakterielle Beläge Säuren, die den Zahnschmelz angreifen. Der Speichel braucht anschliessend Zeit, um diesen Verlust wieder auszugleichen. Wer im Stundentakt snackt oder über den Tag an süssen und sauren Getränken nippt, nimmt den Zähnen genau diese Erholungspause.

Parallel dazu nehmen Zahnerosionen weltweit zu – direkte Säureschäden, die auch bei sehr guter Mundhygiene auftreten. Fluoridhaltige Zahnpasta stärkt den Schmelz und senkt das Kariesrisiko deutlich, doch sie kann eine dauerhaft ungünstige Ernährung nicht vollständig neutralisieren. 

Dr. Felix Dan sieht die wissenschaftlichen Erkenntnisse im Praxisalltag bestätigt – und verrät im Interview die heute meist wichtigste Massnahme für die Zahngesundheit: den Zähnen Erholungsphasen zu geben. 

Das Wichtigste in Kürze: 

  • Die Häufigkeit zählt mehr als die Menge: Ständiges Snacken und Nippen über den Tag belastet die Zähne stärker als ein Dessert direkt nach der Hauptmahlzeit. 

  • Freier Zucker bleibt der wichtigste ernährungsbedingte Risikofaktor für Karies. Die WHO empfiehlt, ihn idealerweise auf unter 5 Prozent der täglichen Energiezufuhr zu begrenzen. 

  • Säuren verursachen zunehmend Erosionen: Soft- und Energy-Drinks, Fruchtsäfte, Smoothies und Sportgetränke greifen den Schmelz an – auch bei optimaler Mundpflege. 

  • «Gesund» ist nicht automatisch «zahnfreundlich». Smoothies, Fruchtsäfte und Müesliriegel enthalten oft viel freien Zucker oder Säure.  

  • Fluorid stärkt, ersetzt aber keine zahngesunde Ernährung. Beste Prävention entsteht aus reduzierter Zuckerfrequenz, bewusster Auswahl säurehaltiger Lebensmittel, optimaler Mundhygiene mit Fluorid und regelmässigen Kontrollen beim Zahnarzt. 

Redaktion: Felix Dan, viele Menschen glauben, Karies sei vor allem die Folge schlechter Zahnpflege. Ist das heute noch richtig? 

Felix Dan: Tatsächlich greift diese Ansicht mittlerweile zu kurz. Die tägliche Mundhygiene ist ein zentraler Baustein der Zahngesundheit und wird es bleiben. Allerdings sehen wir in der Praxis zunehmend Probleme, die direkt mit modernen Ernährungsgewohnheiten zusammenhängen.

Viele Menschen putzen ihre Zähne regelmässig und entwickeln trotzdem Karies oder andere Zahnschäden. Der Grund liegt häufig darin, dass die Zähne heute deutlich öfter Zucker und Säuren ausgesetzt sind als noch vor einigen Jahrzehnten. 

Bedeutet das, unsere moderne Ernährung ist schädlicher als mangelhaftes Zähneputzen? 

Ich würde eher sagen: Die Ernährung ist heute häufig der Auslöser, während die Mundhygiene darüber entscheidet, wie stark die Folgen ausfallen.

Wer ständig süsse oder säurehaltige Getränke konsumiert, den ganzen Tag snackt oder regelmässig Energy Drinks trinkt, schafft Bedingungen, unter denen die Zähne permanent angegriffen werden. Selbst die beste Mundpflege kann diese Belastung nicht vollständig ausgleichen. 

Viele Menschen achten doch heute auf eine gesunde Ernährung. Wo liegt das Problem? 

Das Interessante ist, dass viele vermeintlich gesunde Produkte aus zahnmedizinischer Sicht durchaus kritisch sein können. Smoothies, Fruchtsäfte, Müesliriegel oder aromatisierte Getränke gelten oft als gesund.

Für die Zähne macht es jedoch einen Unterschied, ob ein Lebensmittel Zucker, Säuren oder beides enthält und wie häufig man es konsumiert. Gerade das ständige Nippen an Getränken über den Tag hinweg ist wie gesagt problematisch. 

Warum genau ist die Häufigkeit wichtiger als die Menge? 

Nach jeder Zuckeraufnahme entsteht im Mund eine Säureattacke. Der Zahnschmelz verliert dabei kurzfristig Mineralien. Normalerweise gleicht der Speichel diesen Verlust wieder aus.

Wenn jemand jedoch alle ein bis zwei Stunden erneut isst oder trinkt, beginnt die nächste Säurephase, bevor die Zähne die vorherige ausgleichen konnten. Genau deshalb kann ständiges Snacken schädlicher sein als ein Dessert direkt nach einer Hauptmahlzeit. 

Welche Rolle spielt Zucker, welche Säuren?

Beides ist relevant. Zucker bleibt der wichtigste Risikofaktor für die Entstehung von Karies. Säuren hingegen spielen eine entscheidende Rolle bei Zahnerosionen, also dem direkten Abbau von Zahnhartsubstanz.

Häufig sehen wir eine Kombination beider Faktoren. Viele moderne Getränke enthalten sowohl Zucker als auch Säuren und belasten dadurch doppelt. 

Haben sich die Schäden, die Sie in der Praxis beobachten, über die Zeit verändert? 

Ja, durchaus. Früher standen klassische Kariesdefekte stärker im Vordergrund. Heute sehen wir vermehrt Patienten mit Erosionen, Schmelzverlusten und empfindlichen Zahnhälsen.

Besonders fällt auf, dass solche Veränderungen oft auch bei Menschen auftreten, die ihre Zähne regelmässig und sorgfältig pflegen. Das zeigt, welchen Einfluss die Ernährung mittlerweile hat. 

Inwiefern kann Fluorid diese Risiken ausgleichen? 

Fluorid ist einer der wichtigsten Schutzfaktoren. Es stärkt den Zahnschmelz und unterstützt die Remineralisation. Ohne Fluorid würden wir deutlich mehr Karies sehen.

Dennoch dürfen wir nicht den Fehler machen zu glauben, Fluorid könne jede Ernährungsweise kompensieren. Es verbessert die Widerstandsfähigkeit der Zähne, hebt aber die biologischen Auswirkungen häufiger Zucker- und Säureangriffe nicht auf. 

Was ist das grösste Missverständnis Ihrer Patienten? 

Viele glauben, zweimal täglich Zähneputzen sei eine Art Versicherung gegen alles, was sie essen oder trinken. So funktioniert Zahngesundheit jedoch leider nicht. Die Zähne reagieren auf das, was über den gesamten Tag hinweg passiert.

Was würden Sie Menschen empfehlen, die ihre Zähne langfristig gesund erhalten möchten? 

Die wichtigste Massnahme ist tatsächlich, den Zähnen Erholungsphasen zu geben. Wer seltener snackt, Wasser als Standardgetränk wählt und süsse oder saure Getränke möglichst zu den Mahlzeiten konsumiert, macht bereits einen grossen Unterschied.

Dazu kommen zweimal tägliches Zähneputzen mit fluoridhaltiger Zahnpasta sowie regelmässige zahnärztliche Kontrollen. Es sind oft nicht die grossen Veränderungen, sondern die täglichen Gewohnheiten, die langfristig über die Zahngesundheit entscheiden. 

Viele Menschen greifen heute zu zuckerfreien Getränken oder Light-Produkten. Sind diese aus zahnmedizinischer Sicht unbedenklich? 

Nicht unbedingt. Zuckerfrei bedeutet nicht automatisch zahnfreundlich. Viele Light-Getränke enthalten zwar keinen Zucker, weisen aber dennoch einen sehr niedrigen pH-Wert auf und greifen dadurch den Zahnschmelz an. Für Karies ist Zucker entscheidend, bei Zahnerosionen spielen hingegen Säuren die Hauptrolle. Deshalb sollte man auch bei zuckerfreien Softdrinks Mass halten. [Hinweis der Redaktion: Mehr zu den unterschiedlichen Effekten je nach Art und Konsistenz von Zucker erfahren Sie in diesem Beitrag.]

Welche Ernährungsgewohnheit würden Sie aus zahnmedizinischer Sicht am liebsten sofort verändern? 

Ganz klar das permanente Snacken und Nippen über den Tag hinweg. Ohne Pausen fehlt dem Zahnschmelz die Zeit, sich zu regenerieren. Viele Menschen sind überrascht, wie stark sich allein längere Essenspausen positiv auf ihre Zahngesundheit auswirken. 

Gibt es einen einfachen Merksatz, den Sie Ihren Patienten mit auf den Weg geben? 

Ja. Putzen schützt Ihre Zähne, aber die Ernährung entscheidet, wie oft sie angegriffen werden. Achten Sie nicht nur auf die Zahnbürste, sondern auch darauf, was und vor allem wie häufig Sie essen und trinken. 

Wenn Sie die Ausgangsfrage in einem Satz beantworten müssten: Sind moderne Essgewohnheiten schädlicher für die Zähne als die falsche Zahnpflege selbst? 

Moderne Essgewohnheiten sind heute häufig der Auslöser für Zahnschäden, während eine gute Zahnpflege darüber entscheidet, wie gut sich die Zähne dagegen schützen können. Dauerhaft gesunde Zähne entstehen deshalb nicht nur im Badezimmer, sondern vor allem bei den täglichen Ernährungsentscheidungen. 

Vielen Dank für Ihre Einordnung und klaren Handlungsempfehlungen, Felix Dan. 

Fazit 

Die moderne Ernährung hat die Spielregeln der Zahngesundheit verändert. Während früher vor allem mangelnde Zahnpflege im Fokus stand, sehen wir heute zunehmend Schäden durch häufigen Zucker- und Säurekonsum.

Gute Mundhygiene (mehr zum richtigen Zähneputzen nach Zucker- und Säurekonsum in diesem Beitrag) bleibt unverzichtbar, kann aber eine dauerhaft ungünstige Ernährung nicht vollständig kompensieren. Eine wirksame Kariesprävention beginnt deshalb nicht nur im Badezimmer, sondern bereits bei den täglichen Essgewohnheiten.

Haben Sie Fragen zu Ihrer persönlichen Mundhygiene und Ihren Essgewohnheiten – oder vermuten Sie Karies oder Erosionen? Wir beraten Sie gerne bei Ihrem nächsten Besuch in einer unserer zahnarztzentrum.ch-Praxen in Ihrer Nähe. Buchen Sie online oder telefonisch. 

Quellen 

  • Walsh T, Worthington HV, Glenny AM et al. Fluoride toothpastes of different concentrations for preventing dental caries.Cochrane Database of Systematic Reviews. 2019. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30864143/ 

  • Lussi A, Carvalho TS. Erosive tooth wear: a multifactorial condition of growing concern and increasing knowledge.Monographs in Oral Science. 2014;25:1–15. 

Rédaction de zahnarztzentrum.ch