30.11.2024

Wie beeinflusst Stillen die Mundgesundheit Ihres Kindes?

Lange bestand der Verdacht, dass Stillen Karies fördert im Mund des Kleinkindes. Stimmt das? Auf was sollten Sie bezüglich Mundgesundheit achten, wenn Sie Ihr Kind stillen? 

In diesem Blog untersucht das zahnarztzentrum.ch die Vorteile und möglichen Nachteile des Stillens auf die Mundgesundheit Ihres Kindes, und was es aus zahnärztlicher Sicht zu berücksichtigen gilt.

Vorteile Stillen auf die Mundgesundheit des Kindes

Muttermilch ist in den ersten Lebensmonaten die bestmögliche Ernährung für den Säugling. Darüber bestehen mittlerweile keine Zweifel mehr:

Die gestillten Kinder erleiden weniger häufig Infektionen und sind weniger allergiegefährdet. 

Um an die Muttermilch zu gelangen, muss der Säugling die gesamte Mundregion und den Kiefer kräftig bewegen. Das stärkt die Kaumuskulatur und regt die richtige Entwicklung der Kieferknochen und Muskeln an. Bei der Flaschenernährung dagegen sind weniger Kieferbewegungen erforderlich.1 Stillen kann deshalb auch als erste KFO-Behandlung angesehen werden. 

Beim Stillen gelangt die Muttermilch in der Regel direkt in den Rachen, ohne die Zähne zu umspülen. Ausserdem wird bei der Spaltung von Laktose weniger Energie freigesetzt als bei der Spaltung von Saccharose (viele Babyformulas und -breis enthalten Zucker und Süssungsmittel), womit der pH-Wert weniger stark abfällt. Laktose, das heisst Muttermilch, kann deshalb als weniger kariogen bezeichnet werden als Saccharose. Laktose fördert zudem die Entstehung einer gesunden Darmflora.

Verursacht Stillen Karies?

Bezüglich dem prolongierten Stillen bestand früher der Verdacht, dass es  Nuckelflaschenkaries (umgangssprachlich für frühkindliche Karies) begünstigt. Ein solcher Zusammenhang konnte jedoch nicht nachgewiesen werden. Im Gegenteil: Kinder, die ausschliesslich gestillt wurden, erkrankten seltener an Karies als andere Kinder. 

Andererseits sieht man in der Praxis jedoch oft Kinder, die gestillt werden und trotzdem Karies haben. Dies lässt sich jedoch eher durch andere Faktoren erklären2, wie unpassende Beikost oder eine mangelnde Mundhygiene.

Eine brasilianische Studie stellt fest, dass Kinder, die zwei Jahre und länger gestillt wurden, ein 2,4-fach höheres Risiko für frühkindliche Karies haben im Vergleich zu denen, die nur bis zu 12 Monate alt gestillt wurden. Das Stillen zwischen 13 und 23 Monaten hatte hingegen keine Auswirkung auf Karies.3 

Die Autoren einer aktuellen systematischen Übersicht betonen, dass ohne eine ausgewogene Ernährung und gute Mundhygiene nicht ausgeschlossen ist, dass nächtliches oder häufiges Stillen zu einer frühkindlichen Karies führt.4

In einer Basler Studie5 wird der Verdacht bestätigt, dass das Stillen nur einen Kofaktor darstellt und als alleiniger Einfluss wahrscheinlich nicht zu einer frühkindlichen Karies führen kann.

So oder so: Zähneputzen sobald die Zähne durchstossen

Unabhängig davon, welchen und wie viel Einfluss das Stillen auf die Zahngesundheit des Säuglings hat - die Studien bestätigen, was wir allen Eltern ans Herz legen: Sobald die Zähne durch das Zahnfleisch gestossen sind, müssen sie geputzt werden. Stillt man nur und putzt die Zähne nicht, kann Karies entstehen. 

Obwohl bisher nicht bekannt ist, ab welchem Entwicklungsstadium Plaque kariogen wird6, empfehlen verschiedene Schweizer Institutionen7 das einmal tägliche Zähneputzen ab dem 1. Milchzahn. Spätestens mit dem Durchbruch der zweiten Backenzähne zweimal täglich, mit Kinderzahnpasta.

Putzempfehlung

Vor dem Zahndurchbruch  können Sie das Zahnfleisch nach dem Füttern mit weicher Gaze reinigen.

Die Zahnpasten, die für Babys ab dem ersten Zahn entwickelt sind, enthalten meistens 500 ppm Fluorid. Bei Kindern unter 2 Jahren sollten Sie die Zahnpaste nur wenig an der Bürste abtupfen, ab 2 Jahren empfiehlt es sich, sie in Erbsengrösse auf die Bürste aufzutragen. Ab 6 Jahren, wenn die bleibenden Zähne durchbrechen, können Sie auf Zahnpaste mit mehr Fluorid umsteigen.

Putzen Sie als letztes am Abend, und mindestens ein weiteres Mal während des Tages, mit einer kleinen, weichen Zahnbürste, die für Babys entwickelt wurde. Wichtig ist, dass Sie als Eltern stets nachputzen und nachkontrollieren, insbesondere am Abend. (In diesem Blogbeitrag finden Sie Tipps und Tricks zum Thema Zähneputzen mit Kindern)

Stillempfehlung, aus zahnärztlicher Sicht

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Zusammenarbeit mit dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) empfiehlt das Stillen von Säuglingen bis zum 6. Lebensmonat. Ab dem 6. Lebensmonat sollte Beikost eingeführt werden, zudem sollte weiter gestillt werden.

Aus zahnärztlicher Sicht ist es, wie erwähnt, äusserst wichtig, dass Sie - unabhängig davon, ob und wie lange Sie stillen - Ihrem Kind von Anfang an die Zähne putzen. Wir finden, dass die Still-Frage für alle Beteiligten stimmen soll, das heisst Mutter und Baby - und Sie sich als Mutter nicht unter Druck setzen, sondern schauen, was die individuell richtige Antwort für Sie ist. 

Fazit:

Stillen hat verschiedene Vorteile auf die Gesundheit Ihres Kindes. Aus zahnärztlicher Sicht ist es äusserst wichtig, dass Sie Ihrem Kind von Anfang an die Zähne putzen - und auch später nicht aufhören, nachzuputzen und nachzukontrollieren. 

Haben Sie weitere Fragen zum Thema Stillen oder Zähneputzen bei Ihrem Säugling und/oder Kleinkind? Wir freuen uns auf Sie (und Ihr Kind!) und beraten Sie gerne bei Ihrem nächsten Besuch in einer unserer schweizweit 42 Praxen. 

Erfahren Sie mehr zum Was, Wie und Warum bezüglich Zähneputzen bei Kleinkindern in diesem Ratgeber-Merkblatt der Universität Zürich, “Gesunde Milchzähne hat uns die Natur gegeben”.

1 www.kzbv.de

2 Vortrag vom VELB & ILCA Kongress in Basel 2010 Dr. med. dent. Vera Hüttemann, Bühlertal

3 Karen Glazer Peres, Gustavo G. Nascimento, Marco Aurelio Peres, Murthy N. Mittinty, Flavio Fernando Demarco, Ina Silva Santos, Alicia Matijasevich, Aluisio J D Barros: Impact of Prolonged Breastfeeding on Dental Caries: A Population-Based Birth Cohort Study, in: Pediatrics, July 2017, VOLUME 140 / ISSUE 1

4 Tham et al. 2015

5 Iris Kraljevic, Cornelia Filippi, Andreas Filippi: Risikoindikatoren der ECC bei Kindern mit hohem Behandlungsbedarf; SWISS DENTAL JOURNAL SSO 127: 405–410 (2017)

6 Löe 2000

7 Uni Zürich, SSO, Elternbriefe von Pro Junventute und Merkblätter bei Kinderärzten in Zürich